GeschlechterStudien
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Krankheit

Wehleidige Männer oder wehleidige Frauen?

 

 

Kernaussagen dieses Kapitels

Männer verhalten sich bei Krankheit nicht wehleidiger als Frauen. Auch der sogenannte „männliche Todesschnupfen“ existiert nicht als rein männliche Erscheinung. Tatsächlich gibt es sowohl Männer als auch Frauen, die sich bei Krankheit besonders wehleidig verhalten. Frauen sogar etwas häufiger, doch wehleidige Männer fallen stärker auf, weil Wehleidigkeit als unmännlich empfunden wird.

Frauen gehen dreimal so oft zum Arzt, greifen bei Erkältungskrankheiten schneller zu lindernder Arznei und lassen sich häufiger und länger krankschreiben.

Männer neigen dazu, Krankheitssymptome zu ignorieren und gehen so lange zur Arbeit, bis sie richtig krank sind und der Körper die Notbremse ziehen muss – oder sie arbeiten einfach weiter.

Die gleichen Verhaltensprinzipien zeigen sich in der Schmerzforschung: Wenn ein Mann über Schmerzen klagt, wird das schneller als Wehleidigkeit belächelt, als bei einer ebenso klagenden Frau. Konkrete Messungen zeigen jedoch, dass Frauen schneller klagen, dass ein Schmerz „unerträglich“ ist und bei schmerzhaften Tätigkeiten schneller aufgeben, während Männer bei gleicher Schmerzintensität sagen, der Schmerz lasse sich noch gut aushalten und bei schmerzhaften Tätigkeiten länger weitermachen.

 

Meinungsmache und Meinungstrends

Männlichkeit und Wehleidigkeit galten schon immer als widersprüchlich. Aus diesem Grund empfinden wir wehleidige Männer als unmännlich, wehleidige Frauen jedoch keinesfalls als unweiblich.

Im Zeitalter des Feminismus kam es in Mode, den Mann als das schwache Geschlecht darzustellen und mit viel Enthusiasmus nach männlichen Schwächen zu suchen – notfalls sogar welche zu erfinden. Aus diesem Grund stehen heute die Meinungstrends über typisch männliche Schwächen in der Regel im krassen Widerspruch zu dem, was die Wissenschaft zutage fördert.

Dennoch bleibt die Lust am Lästern über das starke Geschlecht ungebremst. Zahlreiche Bücher, Frauenkolumnen, Zeitungsartikel etc ziehen über die vermeintliche Empfindlichkeit der Männer her, vollkommen gleichgültig, ob die Thesen längst widerlegt sind und keiner objektiven Prüfung standhalten. Würde in den Medien derart über Frauen hergezogen, würde man dies als absolut Frauenfeindlich empfinden.

Dabei ist es den Autorinnen vollkommen gleichgültig, ob ihre „Erfahrungsberichte“ der Realität entsprechen. So beschreibt beispielsweise eine Kolumnistin in epischer Breite, wie schrecklich sich Männer anstellen, wenn sie sich in den Finger geschnitten haben. Von furchtbarem Gejammer ist hier die Rede, Notfallambulanz, Krankenschein, Bettlägerigkeit usw. Auf die Frage, bei wie vielen Männern sie das so beobachtet hat, gibt die Kolumnistin offen zu: bei keinem! Lediglich bei ihrem Mann sei sie einmal Zeugin gewesen, wie er sich mit dem Teppichmesser die Fingerkuppe abgeschnitten hat – und der habe einfach ohne einen Mucks weitergearbeitet. Aber: so etwas will schließlich niemand lesen ...

Eine Allenbach-Umfrage, die im Auftrag der Zeitschrift Geo-Wissen durchgeführt wurde, zeigt, dass diese Art der Wahrnehmung durchaus weit verbreitet ist. Beeinflusst, durch die permanente Flut an Vorurteilen in den Medien, stuften Frauen bei spontaner Befragung zunächst die Mehrheit aller Männer als besonders wehleidig ein. Danach forderte man die Frauen auf, ihre Meinung an tatsächlichen Erfahrungen im persönlichen Umfeld zu überprüfen. Plötzlich mussten die Frauen eingestehen, dass die Mehrheit der ihnen bekannten Männer überhaupt nicht wehleidig ist. Lediglich eine Minderheit der Männer stuften sie nun als wehleidig ein.

 

Objektive Messwerte

Die moderne medizinische Schmerzforschung zeigt, dass der feministisch motivierte Meinungstrend vom wehleidigen Mann weitestgehend aus der Luft gegriffen ist. Männer werden zwar in Lästerartikeln und „lustigen Filmen“ gerne als besonders empfindlich dargestellt, während die starke Powerfrau ihnen zeigt, wie sehr viel mehr frau aushält, ohne nur einmal mit der Wimper zu zucken. Doch die Realität sieht anders aus. Längst ist bewiesen, dass Frauen schneller darüber klagen, dass ein Schmerz „unerträglich“ ist und bei schmerzhaften Tätigkeiten schneller aufgeben, während Männer bei gleicher Schmerzintensität sagen, der Schmerz lasse sich noch gut aushalten und bei schmerzhaften Tätigkeiten länger weitermachen. Mit diesen Forschungsergebnissen bestätigt die Schmerzforschung die traditionelle Meinung, dass Wehleidigkeit unmännlich ist – aber nicht unweiblich.

Bei Erkältungskrankheiten gilt das gleiche Prinzip, wie bei Schmerzzuständen: Der künstlich erzeugte Meinungstrend steht im genauen Widerspruch zu dem, was objektiv messbar ist:

Angeblich neigen Männer dazu, jede kleine Erkältung zu dramatisieren und aus einem harmlosen Schnupfen eine gefährliche Grippe zu machen. Die Fakten zeigen jedoch, dass Frauen dreimal so häufig zum Arzt gehen, eben weil sie es sind, die glauben, schwer erkrankt zu sein – obwohl erwiesen ist, dass Frauen aufgrund ihrer gesünderen Lebensführung im Schnitt gesünder sind als Männer und daher eigentlich seltener einen Arztbesuch nötig hätten.

Angeblich haben Frauen lediglich Kopfschmerzen, Männer jedoch direkt einen Hirntumor. Auch das ist falsch. Eine solche Überbewertung von Krankheitssymptomen nennt man Hypochondrie. Hiervon sind Männer und Frauen gleich häufig betroffen. Zudem ist bekannt, dass es eher die Männer sind, die lediglich Kopfschmerzen haben, Frauen haben direkt eine Migräneattacke.

Angeblich lassen sich Männer bei jedem Zipperlein sofort krankschreiben, und verziehen sich ins Bett, während die Frau sich tapfer weiterhin zur Arbeit schleppt um sich dort aufzuopfern. Tatsächlich zeigen die Gesundheitsreports der Krankenkassen, dass Frauen häufiger und länger wegen Erkältungen krankgeschrieben sind – und das, obwohl Frauen aufgrund ihres gesünderen Lebensstils nachweislich gesünder sind und ein gesünderes Immunsystem haben. Die Fakten zeigen, dass Frauen sich schon bei leichten Erkältungen krankschreiben lassen, während die Männer einfach weiterarbeiten, bis die Erkältung vorbei ist, oder der Körper irgendwann die Notbremse ziehen muss, weil der Mann nun wirklich richtig krank ist.

Hinzu kommt, dass Frauen bei Erkältungskrankheiten nachweislich wesentlich mehr lindernde Medikamente einnehmen als Männer.

Wären es die Männer, die schneller zum Arzt gehen, häufiger und länger krankgeschrieben sind und mehr Schmerzmittel konsumieren – wir würden Woche für Woche in Frauenkolumnen, Frauenbüchern, „lustigen Filmen“ und sonstigen Medien diese Meldungen um die Ohren gehauen bekommen, als Beweis, dass Männer die jämmerlichsten und wehleidigsten Geschöpfe der Erde sind.

Es handelt sich bei diesen Ergebnissen natürlich um Durchschnittswerte. Selbstverständlich gibt es im Einzelfall besonders wehleidige Männer, aber auch die haben ihr weibliches Gegenstück, nur mit dem Unterschied, dass männliche Wehleidigkeit stärker auffällt, weil wir sie als unmännlich empfinden. Nur wer genau und vorurteilsfrei hinschaut, stellt fest, dass sich im Durchschnitt tatsächlich die Frauen wehleidiger verhalten.

 Dieter Nuhr

Einer, der das genaue Hinschauen vorgemacht hat, ist der bekannte Kabarettist Dieter Nuhr. In einem seiner älteren Sketche amüsierte er sich darüber, dass sich Männer im Gegensatz zu Frauen bei Krankheit besonders wehleidig anstellen.

Später räumte er ein, dass er sich in diesem Punkt geirrt habe, da er dem gängigen Meinungstrend gefolgt sei. Bei genauem Hinschauen habe er festgestellt, dass es genau umgekehrt ist.

 
 
 
Quellenhinweise:  

Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI)

Gesundheitsreport Techniker Krankenkasse 2005

Arztreport Barmer GEK 2010 KKH-Allianz 2011

National Institutes of Health, Gender and Pain, April 1998Dr. Roger B. Fillingim, Ph.D., Department of Psychology, School of Social & Behavioral Science, University of Alabama, Birmingham, Alabama

William Maixner, D.D.S., Ph.D., Department of Endodontics, School of Dentistry, University of North Carolina, Chapel Hill, North Carolina

 

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